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60 Tage Hessen statt Holland

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Dass man sich als Ausländer in einem anderen, aber immerhin vergleichbaren Land komisch vorkommen kann, hat Sting wunderbar besungen in seinem Lied "Englishman in New York". Ich war so ein Fremder: Zwei Monate habe ich als Niederländer in Frankfurt gewohnt und gearbeitet, als Teilnehmer an einem Journalistenaustausch.

Um es vorweg zu sagen: Frankfurt und Umgebung haben mir gefallen. Aber gewundert habe ich mich trotzdem. Meine Tops und Flops: Klicken Sie sich durch.

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Frankfurt mag eine Finanzmetropole sein – aber mit Plastik und Bezahl-Apps geht hier, anders als in den Niederlanden, kaum etwas. Ich habe noch nie so viel Geld abgehoben wie in den vergangenen Monaten. Zu Hause habe ich dagegen oft keinen Cent in der Tasche. Wozu auch, wenn man sogar den Kaffee für unterwegs mit Karte bezahlt und es immer mehr Geschäfte gibt, die kein Bargeld mehr annehmen.

Dass eine Kartenzahlung hier eher unüblich ist, zeigt sich auch an der Haltung von Kassierern. Sie weisen Kunden jedes einzelne Mal darauf hin, dass sie jetzt die Geheimzahl eingeben und mit der grünen Taste bestätigen können. Danke. Aber das sollte anno 2016 wirklich keine Anweisung mehr brauchen.

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Was Armut und Altersarmut angeht, kam ich nicht ganz unvorbereitet nach Frankfurt. Auch in niederländischen Medien wird manchmal erzählt von deutschen Rentnern, die Zeitungen austragen oder Flaschen sammeln um ihren Lebensunterhalt zu bezahlen. Aber eine Armut wie ich sie hier gesehen habe, hat mich doch überrascht. Frankfurt war doch die reiche Geschäfts- und Handelsstadt?

Ich meine nicht nur die  Obdachlosen am Hauptbahnhof oder auf der Zeil. Ich war vor allem beeindruckt von den vielen älteren Menschen, die manchmal mitten in der Nacht noch in Mülleimern rumwühlen, weil vielleicht eine Bierdose drin liegt. Dass das gesellschaftlich akzeptiert und normal ist, finde ich erstaunlich.

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Ich bin in diesem Punkt vielleicht nicht ganz objektiv: Die Niederlande sind schließlich bekannt als das Fahrrad-Paradies schlechthin. Tatsächlich können die Unterschiede zu Frankfurt kaum größer sein.

Laternen, Schilder, Poller: Es steht hier alles mögliche auf den Radwegen, manchmal sogar ganze Bushaltestellen. Immer wieder sind Radwege auch zugeparkt - oder sie fehlen ganz. Wie ich mich freue auf die heimischen Fietspaden!

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Zugegeben, es ist kein speziell hessisches Thema. Und vielleicht sind Holländer einfach schlecht erzogen. Trotzdem: Wie korrekt manche Frankfurter sind, kann ich kaum glauben.

Es gibt sie wirklich, die Bürger die abends um zehn vor einer roten Fußgängerampel warten, obwohl weit und breit kein Auto zu sehen ist. In Bockenheim ist es mir passiert, dass ich in so einer Situation loslief, und eine Frau mit lauter Stimme fragte, ob ich farbenblind sei. Ich wurde auch mal von einem Mitbürger ermahnt, als ich aus Versehen eine leere Papiertüte in der U-Bahn hatte liegen lassen. Sie haben ja recht. Aber das Leben wird wirklich schöner, wenn man es ein bisschen lockerer nimmt.

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Im Zweifel Top: Für einen Holländer sind Pommes und Hähnchen, Biergulasch oder Schnitzel zur Mittagszeit gewöhnungsbedürftig. Hat man diese Gewöhnungsphase überstanden, kann man sich schon frühmorgens auf den Ausflug in die Kantine freuen.

In den Niederlanden wird mittags Brot gegessen und abends zu Hause gekocht. Aber ich habe gemerkt dass es ganz angenehm ist, wenn man mittags warm und abends etwas Leichtes isst. Wie gesagt: Kann man sich dran gewöhnen!

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Apropos Essen: Da dürfen Grie Soß, Handkäs und Ebbelwoi nicht fehlen. Als Gast kann man dem kaum entkommen - sie stehen schließlich auf jeder Karte.

Apfelwein ist nicht wirklich mein Getränk. Dafür haben Handkäs und Grüne Soße umso besser geschmeckt. Mindestens eine weiße Papierrolle mit Kerbel, Kresse und Co. geht mit nach Hause.

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In Frankfurt sind mir oft Graffitis aufgefallen mit dem Text "Stadt für Alle". Eine Forderung, die ich mir bei diesen Immobilienpreisen durchaus vorstellen kann. Die Mainufer sind tatsächlich für alle - und werden auch von allen Frankfurtern genutzt.

Jung und alt, einheimische und zugezogene, sportliche und Genießer, Banker und Hausfrauen: Am Main ist die Stadt so vielfältig, wie sie nur sein kann. Mit den Museen auf der Sachsenhäuser Seite und der Skyline auf der anderen einer meiner Lieblingsorte.

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Ich kannte Hessen bis vor ein paar Monaten nicht. Frankfurt steht in Reiseführern über Deutschland nie ganz oben, und auch sonst fahren Holländer samt Wohnwagen lieber ins Sauerland oder in den Schwarzwald. Schade, eigentlich. Denn was das südliche Hessen zu bieten hat, ist mehr als ich mir in zwei Monaten ansehen konnte.

Taunus, Rheingau, die Bergstraße, dazu die vielen kleinen Städte mit ihren Fachwerkhäusern und Märkten: Sobald man Frankfurt verlässt, ist die Großstadt gleich gefühlt weit weg. Urlaubsgefühl daheim – ein Luxus.

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Ein heikles Thema, und mancher mag drüber lachen. Aber ist der Nahverkehr in Frankfurt nicht toll? Sogar an einem Sonntagabend kommt der Bus in Eckenheim noch alle 15 Minuten. Busse und Bahnen sind im Vergleich zu anderen Städten relativ sauber.

Natürlich gibt es die bekannten Aufregerthemen auch hier. Und ja, man muss schon mal stehen oder warten. Ich fand die 86 Euro fürs Monatsticket trotzdem gut angelegt. Keine Staus, keine leidige Suche nach Parkplätzen. Und man kommt überall schnell hin – das Fahrrad inklusive.

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Mein Fazit? Frankfurt ist eine tolle Stadt - vor allem, weil sie so überschaubar ist und sich mit der Skyline und dem schönen Umland unterscheidet von anderen Großstädten. Aber Frankfurt ist auch eine Stadt der Gegensätze. Wenn man vom Hauptbahnhof über die Taunusstraße zum Bankenviertel läuft, prallen wirklich Welten aufeinander. Das hätte ich so nicht erwartet.

Ich war gerne hier. Tot ziens!

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