Hinweis

Für dieses multimediale Reportage-Format nutzen wir neben Texten und Fotos auch Audios und Videos. Daher sollten die Lautsprecher des Systems eingeschaltet sein.

Mit dem Mausrad oder den Pfeiltasten auf der Tastatur wird die jeweils nächste Kapitelseite aufgerufen.

Durch Wischen wird die jeweils nächste Kapitelseite aufgerufen.

Los geht's

Frankfurter Bahnhofsviertel: Wo sich Hipster, Künstler und Junkies tummeln

Logo http://reportage.hessenschau.de/frankfurter-bahnhofsviertel-im-wandel

Früher dreckig und verrucht, heute immer schicker: Das Frankfurter Bahnhofsviertel verändert sich rasant. Szene-Bars schießen aus dem Boden, junge Menschen feiern das Multikulti-Viertel, die Mietpreise steigen. Im Kontrast dazu: die Rotlichtmeile, steigende Kriminalität und Drogensüchtige, verdrängt an wenige Plätze. Wie erleben Barbesitzer, Alteingesessene, Streetworker und die Polizei den Wandel?

Zum Anfang





Multikulti und lebendig: Das Frankfurter Bahnhofsviertel zieht die jüngere Generation an. Die einen gehen regelmäßig in dem kleinen Frankfurter Stadtteil aus, immer mehr ziehen gleich hin -  wie die Studenten Iris und Julian, die in einer WG wohnen. "Es gibt viele Kulturen, die hier gemeinsam leben", sagt Julian. "Das ist für mich ein Idealbild der Gesellschaft." 

Iris ist gerade erst aus Marburg hergezogen und ist begeistert: "Frankfurt wirkt an wenigen Orten so großstädtisch wie hier." Die Drogenszene macht ihr keine Angst: "Die sind mit sich selbst beschäftigt."

Zum Anfang
0:00
/
0:00
Audio jetzt starten

Ein angesagter Treffpunkt für Anwohner und Partygänger im Frankfurter Bahnhofsviertel ist der Yok Yok Kiosk in der Münchner Straße. Dort quatschen Banker mit Künstlern, Eintracht-Fans feiern Siege und Taxifahrer lernen ihre nächsten Kunden kennen.

Von dem Hype um den Kiosk profitiert Inhaber Nazir Alemdar nun seit rund sieben Jahren. Für ihn stand aber schon vorher fest: "Ich liebe das Bahnhofsviertel." Inzwischen ist er seit 36 Jahren dort. 

Ein Luxusladen woanders käme für ihn nicht in Frage, sagt Alemdar: "Wenn mir jemand das Angebot macht: Yok Yok oder lieber Direktor der Deutschen Bank? Ich werde hier bleiben!"

Audio öffnen

Zum Anfang
Schließen
Vorher/Nacher Ansicht

Tag- und Nacht-Vergleich starten

Abends wird es voll: Das Yok Yok in der Münchner Straße von außen. Yok Yok bedeutet auf türkisch "Gibt's nicht, gibt's nicht". Das zeigt sich im Getränkeangebot: Es gibt eine riesige Auswahl an Bier. 

Viele Menschen mit viel Bier machen naturgemäß auch viel Lärm. Da Anwohner sich regelmäßig beim Ordnungsamt beschweren, dürfen die Gäste am späten Abend nicht mehr vor dem Kiosk stehen. Zum Leidwesen der Nachbarn stellen sich die Partygänger dann einfach vor die Geschäfte, die an den Kiosk angrenzen.

Zum Anfang

Ateliers, Ausstellungsräume, Motive: Für Künstler und Kreative hat das Bahnhofsviertel nach wie vor seinen Reiz. Auch wenn die Preise gestiegen sind.

"Mich interessiert die Straße, die ehrlichen Leute - das ist es, was mich immer wieder herzieht und auf den Boden bringt", sagt Jimmi Dimiropoulos, der in Cafés und Kneipen im Bahnhofsviertel ausstellt. Der Künstler ist selbst in dem Quartier groß geworden, seinen Kindern zuliebe zog er später weg. 

Beim Künstlerprojekt Taunusstraße Arts & Bites (TAB), das zum Neuentdecken der Taunusstraße einlädt, war Dimiropoulos von Anfang an dabei. Einer seiner Kumpels im Bahnhofsviertel: Pracht-Inhaber Nuri...

Zum Anfang

Pracht-Inhaber Nuri über den Hype im Bahnhofsviertel

0:00
/
0:00
Video jetzt starten

Nuri, Inhaber der Szenekneipe Pracht in der Niddastraße, erzählt, wie er den Hype ums Bahnhofsviertel wahrnimmt.

Video öffnen

Zum Anfang

Neben schicken neuen Kneipen gibt es im Bahnhofsviertel nach wie vor wahre Institutionen. Über die Terminus-Klause in der Moselstraße berichten inzwischen Rolling Stone und New York Times. Die Kneipe ist Kult und mit günstigen Preisen, Spitzengardinen und Pistazienspender das Gegenteil von Schi Schi.

Für familiäre Atmosphäre sorgt Mario Iwanow, der seit 25 Jahren hinter dem Tresen steht. "Ich liebe meine Gäste sehr", sagt Iwanow, der im Bahnhofsviertel wohnt. "Alle Studenten kommen zu mir." Am Wochenende ist der Laden brechend voll. Es kommen neben Studenten auch Künstler, Banker, Akademiker und Rentner und gesellen sich zu denen, die auch schon vor dem Hype täglich an der Bar saßen.

Zum Anfang

Ein Original des Wochenmarkts: Marktfrau Gisela Paul

0:00
/
0:00
Video jetzt starten

Nicht wegzudenken ist auch der Wochenmarkt in der Kaiserstraße. Marktfrau Gisela Paul hat ihn vor 17 Jahren mitbegründet. An ihrem Grüne-Soße-Stand berichtet sie über die Anfänge.

Video öffnen

Zum Anfang

Kampf gegen die Drogenszene: Cream Music will im Viertel bleiben

Bernhard Hahn, Inhaber von Cream Music, kämpft um den Standort im Bahnhofsviertel.

0:00
/
0:00
Video jetzt starten

Vor dem legendären Musikgeschäft Cream Music schrecken Junkies und Dealer die Kunden ab. Der Inhaber von Cream Music, Bernhard Hahn, gibt den Kampf gegen die Drogenszene nicht auf.

Video öffnen

Zum Anfang

Seit 16 Jahre schneidet er Männern die Haare, sein Laden gehört zu den Institutionen im Bahnhofsviertel: Fatih Atli betreibt den Laden "Goldene Schere". Über die neuen Cafés und Bars freut er sich. "Damit kommen automatisch auch neue Kunden zu uns. Deshalb ist die Aufwertung für mich sehr positiv", sagt er. 

Inzwischen betreibt Atli zwei Geschäfte im Bahnhofsviertel. Woanders will er auch nicht hin: "Das Bahnhofsviertel liegt sehr zentral." Er mag sein Multikulti-Viertel. 

Von der Kriminalität im Viertel lässt er sich nicht abschrecken. "Das ist hier wie überall. Man muss eben ein bisschen aufpassen."


Zum Anfang

Auch im Rotlicht-Milieu hat sich ein Wandel vollzogen: Die Bordelle,Table Dance Bars und Animierläden gewähren dem breiten Publikum einen Blick hinter die Kulissen. Bei der Sex-in-the-City-Tour durchs Bahnhofsviertel dürfen zum Beispiel auch Frauen einige Rotlicht-Etablissments von innen sehen.

An der Bahnhofsviertelnacht am 8. September feierte der "Abend der offenen Bordell-Tür" bundesweit Premiere.

Das hässliche Gesicht des Sex-Geschäfts haben die Besucher wohl nicht bewusst wahrgenommen. Auf dem Straßenstrich bieten sich Drogenabhängige für fünf Euro an.

Zum Anfang

Zum Wandel im Rotlicht-Milieu beigetragen hat der Nachtclub Pik Dame. Vor acht Jahren öffnete das Etablissment mit dem "Pik Sonntag" die Türen für ein anderes Publikum.

An jedem letzten Sonntag im Monat gibt es dort Kabarett, Livemusik, Zauberei und Soul. Inzwischen treten neben Striptease-Tänzerinnen auch regelmäßig bekannte DJs auf. Auch bei der Bahnhofsviertelnacht ist die Pik Dame ein Hotspot für Besucher.

Zum Anfang

Zum Anfang

Peter Lindner, Professor am Institut für Humangeographie der Frankfurter Goethe-Uni, findet die Entwicklung im Bahnhofsviertel spannend. Er forscht über Stadtteile und wohnt seit 2008 selbst im Bahnhofsviertel. Ein Professor, der in ein sozial schwaches Quartier zieht? Damals habe es noch günstige Wohnungen gegeben und das lebendige Viertel habe ihn angesprochen, sagt er.

Seither sind die Preise nicht nur auf dem Wohnungsmarkt, sondern auch in den Bars und Restaurants gestiegen. "Das Bahnhofsviertel ist eine Partylocation geworden", kritisiert er. "Allerdings bin ich als Neubewohner ein Teil dieser paradoxen Situation: Man fördert den Prozess mit, den man eigentlich gar nicht will."

Zum Anfang

Lässt sich der Wandel im Viertel überhaupt aufhalten? "Die Stadt kann den Prozess nur gestalten - etwa durch die Milieuschutzsatzung", meint Professor Lindner. Auch ein Bekenntnis zu den Druckräumen und dem Erhalt der Rotlichtmeile könnten bremsend wirken.

Die Aufwertung des Viertels begann laut Lindner mit der geförderten Sanierung einzelner Objekte, wie dem Hotel Nizza. Ab 2009, 2010 ging es dann ganz schnell: Es kamen Bars und Restaurants wie Plank, Wallon & Rosetti, Maxie Eisen, Klein & Main oder Club Michel dazu. Und damit verbunden ein zahlungskräftiges Publikum.

Zum Anfang




Dass die Aufwertung auch Verlierer erzeugt, zeigt das Beispiel Kaiserpassage: Kleine, alteingesessene Lebensmittel- und Textilgeschäfte aus aller Welt müssen raus. Das Immobilienunternehmen DIC lässt die Passage aus den 70er Jahren umbauen und modernisieren. Geplant sind:  Supermarkt, Hotel und Wohnraum. Für Kritiker ist das ein Symbol der Gentrifizierung im Viertel. Anwohner befürchten, dass nun alles teurer wird.

Neben indischen, pakistanischen und afghanischen Geschäften mussten auch Künstler der Initiative TAB die Passage verlassen, die Kaiserstraße und Taunusstraße verbindet. Auch die Drogenhilfe musste umziehen.

Zum Anfang

Auch Oliver Strank (SPD), neuer Ortsvorsteher im Bahnhofsviertel bedauert, was mit der Kaiserpassage passiert.
 "Man kann solche Fehlentwicklungen nicht immer aufhalten, weil wir in einer sozialen Marktwirtschaft leben", sagt er. Aber möglicherweise hätte die Stadt den Prozess durch frühzeitiges Eingreifen verhindern können.

"Bei der Aufwertung muss es darum gehen, die Sicherheit im Bahnhofsviertel herzustellen, es geht nicht um Luxussanierungen", meint er auch im Hinblick auf die Drogenproblematik. Diese sei ein Balanceakt, denn die Vielfalt im Bahnhofsviertel solle erhalten bleiben.

Zum Anfang

Geschäftsleute beschweren sich über Dealer und Junkies, die Kunden verschrecken. Dazu kommen noch Diebstähle und Gewaltdelikte: Alltag für Polizisten im Bahnhofsviertel.

Die Kontrollen seien weiter verstärkt worden, sagt Polizeioberrätin Claudia Rogalski. Einer der Brennpunkte beim Drogenhandel sei die Düsseldorfer Straße/ Niddastraße. 

Sie berichtet, dass nicht nur die Kriminalität, sondern auch die Gewaltbereitschaft gegenüber der Polizei gestiegen sei. "Die Polizei fordert eine Ausweitung der Videoüberwachung. Im Bahnhofsgebiet ist der Bereich Taunusstraße und Elbestraße prädestiniert dafür", sagt sie. Als nächstes sollen die Beamten mit Bodycams ausgestattet werden. Was wohl die Puffbesucher von den Plänen halten?

Zum Anfang
0:00
/
0:00
Audio jetzt starten

Die Aufwertung des Viertels, von der Geschäftsleute profitieren, hat für Drogensüchtige deutliche Folgen.

"Die Drogensüchtigen rotten sich mehr vor den Druckräumen zusammen", sagt Streetworker Tom Holz vom Projekt Ossip der Aids-Hilfe Frankfurt. Der Grund: Die Polizei hat den Druck erhöht.

Einerseits findet Holz es gut, dass sich die Junkies nun an einsehbaren Plätzen sammeln, andererseits befürchtet er, dass das Hilfsnetz reißt, wenn der Druck weiter steigt. "Wenn die Leute vertrieben werden, sind sie ja nicht einfach weg. Sie werden woanders sein." In Frankfurt gibt es vier Druckräume, unter anderem in der Niddastraße. Rund 4.500 Abhängige nutzen die Fixerstuben.
(Foto: Ein Drogensüchtiger bereitet in der Niddastraße seine Crackpfeife vor, ein anderer hält Ausschau nach der Polizei)





Audio öffnen

Zum Anfang

Sie kämpft gegen die Gentrifizierung im Bahnhofsviertel: Die Künstlergruppe "Frankfurter Hauptschule" hat mit einer Live-Heroin-Performance für Aufregung gesorgt. 

"Wir finden es gut, dass der gesellschaftliche Schmerz in Form von Junkie-Ansammlungen sichtbar ist", sagt einer der Aktionskünstler, der sich Nicholas Warburg nennt. Ein wildes Viertel werde immer weiter befriedet. Manche wollten daraus ein Adoleszenz-Disneyland machen.  

Der Initiative Taunusstraße, Arts & Bites (TAB) wirft er vor, sie versuche, "von der Kaiserstraße bis zur Taunusstraße den Menschenmüll wegzukehren."  Warburgs Traumszenario: "Eine richtige Mad-Max-Welt. Dass anstatt der um sich greifenden Designer-Foodläden die Junkies das Viertel fest im Griff haben." (Im Bild: Aktionskünstler der "Frankfurter Hauptschule")

Zum Anfang

Bei der Bahnhofsviertelnacht am 8. September kamen wieder tausende Besucher. Ursprünglich war sie ins Leben gerufen worden, um das Bahnhofsviertel zu präsentieren. Inzwischen hat die Veranstaltung sich zur einer riesigen Party mit Bands, DJs und Führungen entwickelt. Die Stadt hatte deshalb ihr Sicherheitskonzept geändert, um Anwohnern und Besuchern einen friedlichen Abend zu bieten.



Redaktion: Susanne Mayer und Jana Klimczak
Texte: Susanne Mayer
Fotos: Johannes Gregor, Susanne Mayer (2), dpa (4), "Frankfurter Hauptschule" (1)
Videos: Johannes Gregor
Audios: Jana Klimczak


Zum Anfang
Scrollen, um weiterzulesen
Wischen, um Text einzublenden
Schließen

Übersicht

Nach links scrollen
Kapitel 1 Hotspot für Hipster, Künstler und Junkies

114
Kapitel 2 Place to be

251 c

186

Slider1

Img 8642
Kapitel 3 Wahre Institutionen

Img 6394

Eins

Img 8343

Img 8367
Kapitel 4 Wird das Bahnhofsviertel zum neuen Westend?

Karte bahnhofsviertel

109

55488858

Img 6392
Kapitel 5 Die Polizei hat zu tun

Img 8705
Kapitel 6 Was passiert mit den Junkies?

83470856

954ac8cd59f82e34547ccf763b50a521 1
Kapitel 7 Bahnhofsviertelnacht

50450112
Nach rechts scrollen